Glaubt man den Schembartbüchern, zogen Menschen in prachtvollen Kostümen mit einem kunstvollen Umzugswagen durch Nürnbergs Gassen. Aber Bilder können lügen und Buchstaben auch. Im zweiten Teil ging es um die Darstellungen in den Büchern und warum sie so spät verfasst wurden. Doch warum endete der Lauf überhaupt und wie sieht denn der heutige Stand der Forschung aus?

Burg-Umzugsschlitten auf einer Seite eines Schembartbuches.
Auf dieser Seite eines Schembartbuches ist eine Burg auf Kufen zu sehen. Sollten die Darstellungen der historischen Realität entsprechen, waren die Umzugsschlitten ziemlich groß. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Eklat beim Schembartlauf

Angeblich hörte der Schembartlauf 1539 wegen eines Eklats beim Umzug auf. Aber auch das ist nicht sicher. Der letzte Lauf davor wurde 1524 abgehalten. Warum sich eine derart große, zeitliche Lücke dazwischen befindet, darüber wird spekuliert. Sicher ist, dass beim Schembartlauf von 1539 der Prediger Osiander und damit der Protestantismus Lächerlich gemacht wurde. Das hatte zur Folge, dass sogar Martin Luther bei einer Tischrede im selben Jahr die Nürnberger Patriziersöhne kritisierte und der Lauf eingestellt wurde.

Dr. Johannes Pommeranz, Leiter der Bibliothek des GNM, mit einem der Schembartbücher. | Fotocredits: Juliane Pröll

„So wird es überall geschrieben“, sagt Dr. Johannes Pommeranz, Bibliotheksdirektor des Germanischen National Museums in Nürnberg. „Das scheint auch sehr plausibel zu sein. Aber es wäre interessant, herauszufinden, ob es Wiederbelebungsversuche gab. War ein Fest, dass von solch überregionaler Bedeutung war, wirklich damit vorbei?“

Der heutige Forschungsstand zu den Schembartbüchern

Vieles ist also ungewiss. Aber wie sieht der jetzige Stand der Forschung aus? „Sich das überhaupt bewusst zu machen, dass man diese Objektgruppe eben nicht als authentische Quelle mit einem hohen Quellenwert nehmen kann, das ist schon der erste Schritt“, erklärt Pommeranz. Bisher steht fest: Die tatsächlich stattgefundenen Schembartläufe stimmen mit den in den Büchern angegebenen Jahreszahlen nicht überein.

Denn nicht in jedem Jahr zwischen 1449 und 1539 zogen die Narren durch Nürnbergs Gassen. Bei Kriegen, Seuchen oder anderen Katastrophen in der Stadt fielen die Läufe aus. „Es ist ganz erstaunlich, dass in den Ratsprotokollen Schembartläufe in manchen Jahren beschrieben werden, in denen sie den Büchern zufolge nicht stattgefunden haben“, so der Bibliotheksdirektor. Eine erste Erkenntnis sei deshalb, dass man die Schembartbücher hinsichtlich ihres Quellenwerts neu beurteilen müsse.

Zwei Schembartläufer in bunten Kostümen. Aus dem Büschel des gelben Läufers sprüht ein Feuerwerk. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Auch Werkstattbetrieb und Wasserzeichen der Schembartbücher sollen erforscht werden

Das Projekt soll auch die Frage beantworten, wie der Werkstattbetrieb der Buchhersteller organisiert war. Hat der Käufer es nach dem Schreiber zum Briefmaler gegeben? Konnte der Käufer die Qualität der Ausführung bestimmen? „Selbst Dürer malte in verschiedenen Qualitäten, für die er verschiedene Preise genommen hat“, so Pommeranz. „Es ist augenscheinlich, dass manche Exemplare künstlerisch wertvoll sind, andere nicht.“

Schembartläufer mit rotem Hut und blauem Kostüm
Verglichen mit anderen Darstellungen ist diese Schembart-Zeichnung qualitativ schlechter. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Die Wasserzeichen der verwendeten Papiere sollen ebenfalls analysiert werden. „Tatsächlich schwanken einzelne Datierungen mal eben um 200 Jahre – je nachdem, ob sie sich auf das historische Ereignis beziehen“, erklärt Johannes Pommeranz. Mithilfe der Wasserzeichen-Analyse kann zumindest in etwa das Jahrzehnt festgelegt werden, aus dem das Papier stammt. Wann es beschrieben wurde, finden die Forscher mit dieser Methode allerdings nicht heraus.

Schembartbuch-Projekt könnte bisher unbekannte Informationen aufdecken

Trotz aller Skepsis gegenüber ihrem Informationswert haben die Handschriften den Bibliotheksleiter in ihren Bann gezogen. „Auch ich als Bibliothekar, der schon lange im Geschäft ist, erfreue mich noch immer an den Büchern“, sagt er. „So ein kindliches Staunen über Schönheit sollte man sich nie abgewöhnen, auch bei aller Professionalität nicht. Gerade für den Kunsthistoriker gehört Begeisterungsfähigkeit immer dazu.“

Sollte das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt werden, könnten einige Unklarheiten um die Läufe vielleicht beseitigt und noch weitere, unbekannte Tatsachen aufgedeckt werden. Sicher ist aber, dass die Erben der Schembartläufe noch heute ihre Tradition hochhalten und spätestens ab 11. November wieder Schabernack treiben, wenn auch nicht unbedingt in Nürnberg.

Mehr Infos über das Germanische Nationalmuseum und die Museums-Bibliothek findet ihr auf der Website des GNM und auf der Unterseite zur Digitalen Bibliothek. Weitere Blogbeiträge zu Themen rund um Franken und Bayern findet ihr unter der Blog-Rubrik hier auf der Website.

Wer mich zwecks Aufträgen kontaktieren möchte, kann das Kontaktformular nutzen oder einfach eine Mail an juliane.proell@text-arbeit.com schreiben.


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