Wildes Treiben, bunte Kostüme und prunkvolle Wägen soll es einst beim Nürnberger Fastnachtsumzug gegeben haben – zumindest laut den Schembartbüchern. Im ersten Teil ging es um das Problem mit den historischen Handschriften. Denn sie entstanden erst nach dem letzten Lauf. Da stellt sich natürlich die Frage, warum die Bücher erst so spät verfasst wurden.

Auf dieser Seite eines Schembartbuches ist deutlich das Wort „Cronica“ zu lesen. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Schembartbücher als Zeitdokument?

„Diesen Punkt fand ich persönlich sehr spannend“, erklärt Dr. Johannes Pommeranz, Bibliotheksdirektor des Germanischen National Museums in Nürnberg, kurz GNM. „Einfach deshalb, weil das die eigentliche Frage ist. Man sollte meinen, da passiert etwas in der Stadt und irgendwer hält das zeitnah in Text und Bild fest.“ Er sieht in den Schembartbücher weniger Zeitdokumente als vielmehr Zeugnisse privater und öffentlicher Memoria.

Memoria kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Erinnerung, Andenken.

Dr. Johannes Pommeranz, Leiter der Bibliothek des GNM.
Dr. Johannes Pommeranz mit einem der Schembartbücher in der Bibliothek des GNM. | Fotocredits: Juliane Pröll

Das Buch, das der Bibliotheksleiter zeigt, hatte damals offenbar die Stadt Nürnberg in Auftrag gegeben. Zu erkennen ist das am kleinen und großen Stadtwappen am vorderen Buchdeckel. Heute ist es Eigentum der Nürnberger Patrizierfamilie von Löffelholz. Die Doppelseiten des Exemplars zeigen jeweils links das Kostüm-Bild und rechts den Text für das entsprechende Jahr. Die detailreichen Zeichnungen sind koloriert. Auf dem antiquarischen Markt würde das Buch vermutlich im sechsstelligen Bereich gehandelt werden.

Chronik mit künstlerischem Wert

Eine mögliche Interpretation wäre, die Schembartbücher als eine Art Familienchronik anzusehen, nach dem Motto: „Schau mal, dein Urgroßvater, der war 1519 der Hauptmann beim Schembartlauf.“ Mit den Schembartbüchern könnten sich die Eigentümer somit auf ihre eigene Familientradition besonnen haben. Dabei griffen einige tiefer in die Tasche als andere, denn die künstlerische Qualität der Abbildungen ist von Buch zu Buch sehr unterschiedlich.

Prestige für die Stadt

Geld war auch für die Organisation der Läufe wichtig: „An den Ratsverlässen ist zu sehen, dass sich der Patrizierrat an machen Umzügen finanziell beteiligt hat, damit sie stattfinden. Da macht es Sinn, anzunehmen, dass sie es aus Prestige-Gründen, weil es ein Mega-Event der Stadt war, getan haben könnten“, erklärt der Direktor. Das wiederum lässt den Schluss zu, dass einige der Bücher als „städtische Memoria“ entstanden.

Rot-weißes Kostüm in einem Schembartbuch
Eine Kostümdarstellung in einem der Schembartbücher. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Schembartkostüme als Luxuswaren

Die Kostüme waren mutmaßlich ebenfalls sehr teuer. Denn auch heute sind die Preise nicht ganz günstig, wie der Direktor weiß: „Ich fahre heute zum Karnevalfeiern immer noch nach Köln. Ich hatte mal überlegt, beim Rosenmontagszug mitzureiten. Das hätte mich rund 15.000 Euro gekostet.“ Die Kosten beinhalten das geliehene Pferd, ein maßgeschneidertes Kostüm für circa 6.000 Euro und den Obolus für den Verein. Was die Kostüme in den Büchern angeht, glaubt Pommeranz nicht, dass es sich um eine „lokale Geschichte“ handelt: „Ich sehe da einen italienischen Einfluss im Sinne von Luxuswaren, die zur Schau getragen wurden. Da wird es spannend sein zu sehen, was bei der Durchsicht der einschlägigen Ratsverlässe herauskommt.“

Wie hoch ist der Informationswert der Bücher?

Durch die so späte, nachträgliche Aufzeichnung, ist der Informationswert der Bücher eher niedrig einzuschätzen. Momentan kann niemand sagen, was wahr und was erdichtet ist. Deshalb sind die Ratsprotokolle für die Erforschung der Schembartbücher und damit auch für den Schembartlauf so wichtig. „Was in den Ratsprotokollen zum Schembartlauf steht, ist das, was tatsächlich war. Das ist sozusagen das Korrektiv für das, was in den Schembartbüchern als Narrativ im Sinne einer Chronik festgehalten ist“, so Pommeranz.

Wie sahen die Kostüme & Höllen wirklich aus?

Somit ist auch die Echtheit der handgemalten Höllen- und Kostüm-Darstellungen fraglich. Deshalb wollen die Forscher herausfinden, ob und wie die Festwägen und Kostüme in den Ratsprotokollen beschrieben sind. Da Handschriften früher oft kopiert wurden, stellt sich auch die Frage, ob eine „Mutterhandschrift“ vorhanden ist, wie Pommeranz sie nennt, aus der für andere Schembartbücher Text- und Bildvorlagen übernommen wurden. Dass der Inhalt der Bücher aus einer einzigen, kopierten Quelle stammt, schließt Pommeranz aber eher aus. Denn die Darstellungen variieren extrem in ihrem künstlerischen Stil und auch in der Qualität der Handzeichnungen.

Von der Kinderzeichnung bis zu künstlerisch wertvoll

„Einige haben den Charakter einer Kinderzeichnung und manche sind künstlerisch schon sehr ordentlich, um es bescheiden auszudrücken“, führt er aus. Für den Bibliotheksdirektor stellt sich deshalb die Frage, wie authentisch Illustrationen und Texte sind, die meist nur kurze Angaben darüber machen, wer der Hauptmann oder wie groß die Rotte war, welche Kostüme getragen wurden und was sie den Metzgern als Tribut zahlen mussten, damit sie laufen durften. Also, welche Fakten sind überhaupt wissenschaftlich gesichert?

Im letzten Teil erfahrt ihr, wie der jetzige Stand der Forschung aussieht und welche Fragen das Projekt noch beantworten soll.

Mehr Infos über das Germanische Nationalmuseum und die Museums-Bibliothek findet ihr auf der Website des GNM und auf der Unterseite zur Digitalen Bibliothek. Weitere Blogbeiträge zu Themen rund um Franken und Bayern findet ihr unter der Blog-Rubrik hier auf der Website.

Wer mich zwecks Aufträgen kontaktieren möchte, kann das Kontaktformular nutzen oder einfach eine Mail an juliane.proell@text-arbeit.com schreiben.


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