Kölle Alaaf! Mainz Helau! – Hätte es auch dieses Jahr in und um Köln und Mainz geheißen, wenn denn Corona nicht wäre. Was viele nicht wissen: Früher war auch Nürnberg eine Karnevalshochburg mit Festwagen, Kostümen und allem drum und dran. Genannt wurde das bunte Treiben Schembartlauf.

Schembartbuchseite mit Elefanten-Umzugswagen
Auf dieser Seite eines Schembartbuches ist ein Elefanten-Schlitten auf Holzkufen zu sehen. Solche „Umzugswägen“ wurden vermutlich von den Läufern durch die Stadt gezogen. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Nürnbergs mittelalterliche Fastnachtsparty

Bunte Kostüme, Schellen klingeln, Handfeuerwerke zündeln, ein Umzugswagen in Form eines Schiffes oder eines Schlittens, bevölkert von mythologischen Kreatur Kreaturen, werden an einer johlenden Menschenmenge vorbeigezogen. Der Geruch von Schwarzpulver liegt in der Luft und die Nusswerfer schmeißen von ihren Pferden aus Nüsse in die Massen. So oder so ähnlich könnte der Fastnachtsumzug im spätmittelalterlichen Nürnberg ausgesehen haben, der von 1449 bis 1539 in der Reichsstadt aufgeführt wurde.

Wilde Männer & Einhörner

Damals mussten Tausende von Menschen unterwegs gewesen sein, die dem Fest beiwohnten. „Was für eine tolle Party das war, die da durch Nürnberg über nahezu hundert Jahre tobte“, sagt Dr. Johannes Pommeranz, Bibliotheksdirektor des Germanischen National Museums in Nürnberg, kurz GNM. „Da gab es die Wilden Leute, den Wilden Mann, die Wilde Frau, da tauchen Einhörner auf – alles, was man sich in der Fastnacht damals vorstellen konnte. Es lohnte sich, in die Stadt zu kommen, wenn man mal so richtig feiern wollte.“

Seite eines Schembartbuches, das einen Tanz zeigt.
Die Schembartläufe sind in den Büchern farbenfroh gezeichnet. Auf dieser Seite fällt besonders das rote Ziegenkostüm auf, dass den Teufel darstellen könnte. | Bildrechte: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Die Anfänge der Schembartläufe

Wie die Umzüge wirklich abliefen, wie die Kostüme und die „Höllen“ genannten Karnevalswägen aussahen, muss aber erst noch detailliert erforscht werden. Die Tradition der Schembartläufe geht der Legende nach auf das Handwerkerprivileg der Metzger zurück. Angeblich waren sie am Handwerkeraufstand in Nürnberg Mitte des 14. Jahrhunderts nicht beteiligt. Deshalb erhielten sie von der Stadt das Privileg, den Metzgertanz aufzuführen. Daraus hat sich schließlich der Schembartlauf entwickelt. Beide Veranstaltungen fanden dann zeitgleich in der Fastnacht statt.

Die Schembartbücher – verlässliche, historische Quellen?

Aber diese „Gründungslegende“ ist nicht historisch gesichert. Sie geht auf die sogenannten Schembartbücher zurück, die im Stil einer Chronik Darstellungen der Kostüme und Höllen zeigen. Das Problem dabei ist nur: Die Bücher entstanden erst, nachdem der Lauf nicht mehr stattfand. Früheste Beispiele sind auf die zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert. Trotzdem bezieht sich die Schembartforschung hauptsächlich auf sie. Im Rahmen eines Forschungsprojekt will das GNM daher klären, wie glaubwürdig die Bücher als Quelle sind.

Um die Erforschung der frühneuzeitlichen Handschriften, insbesondere ihre Digitalisierung und Erschließung zu finanzieren, stellte Pommeranz vergangenes Jahr einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft – abgekürzt DFG. Hauptprojektpartner sind die Stadtbibliothek Nürnberg ebenso wie das Staatsarchiv und das Stadtarchiv Nürnberg. Alle vier Institutionen besitzen heutzutage mehr als die Hälfte aller weltweit bekannten Schembartbücher.

Die Rolle der Stadtratsverlässe

Dem Staatstarchiv kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn dort lagern die sogenannten Ratsverlässe der Stadt. In diesen Verlässen sind die Beschlüsse der Sitzungen des Stadtrats über die Jahrhunderte protokolliert, die auch zu Regelungen und Vorkommnissen der Schembartläufe verlässlich Auskunft geben. „Die Protokolle geben im Grunde den Ist-Zustand wieder“, erläutert Johannes Pommeranz. „Sie berichten darüber, was im Jahr tatsächlich geschah und worüber gesprochen wurde.“ So sollen nun alle Textstellen aus den Ratsprotokollen zum Schembartlauf transkribiert und zusammengetragen werden.

Das Wort Schembart als Bezeichnung für „Gesichtsmaske“ verwenden die Ratsverlässe laut Eckehard Simon, Professor für deutsche Sprache und Literatur, erstmals am 10. Februar 1474. „Item von der wegen die in schenperten lauffen, dorumb das gesetze ansehen und irs handels war nehmen“, zitiert er in seinem Buch „Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels 1370 – 1530“. Der Rat ging mit diesem Verlass gegen das unautorisierte Tragen von Karnevalsmasken vor.

Ziel des Projekts ist es auch, eine Datenbank mit allen Büchern zu erstellen, um diese leichter vergleichen zu können. Das Konzept dahinter: ein Zeitstrahl, der alle Exemplare und damit alle Darstellungen der Läufer jahrweise hintereinander zeigt.

Wie viele Schembartbücher gibt es noch?

Nach einer ersten Bestandssichtung aus den 1940er Jahren waren rund 80 Stück weltweit erhalten geblieben. Sicher nachgewiesen sind heute allerdings „nur“ 64 Exemplare. Davon befinden sich 20 im Bestand des GNM und etwas weniger als 20 in der Stadtbibliothek. Über den Kunsthandel gelangten einige dieser besonderen Handschriften ins Ausland. Für ein Schembartbuch wird auf dem Kunstmarkt bis zu 500.000€ gefordert. Das Getty Museum in Los Angeles erstand zum Beispiel eines über ein Antiquariat, ein anderes fand seinen Weg nach Australien. Doch warum sind gerade diese Handschriften unter Fachleuten so begehrt?

Kontroverse um die Bücher

Wie wichtig die Schembartbücher für die Rekonstruktion des echten Schembartlaufes sind, wird unter Fachleuten kontrovers diskutiert. „Es gibt Objektgruppen, um die besondere Fragestellungen herum kreisen“, sagt der Bibliotheksleiter. „Dazu gehören auch die Schembartbücher. Zu ihnen stehen noch heute viele ungeklärte Fragen im Raum. Sie wurden zu einem Zeitpunkt geschrieben und illuminiert, als die Schembartläufe überhaupt nicht mehr stattfanden. Viele Interpreten haben in der Vergangenheit so getan, als ob die Bücher als eine Eins-a-Quelle zu bewerten wären und haben alles, was darin steht, für bare Münze genommen. Diese ganze Interpretation, die von den Schembartbüchern als glaubwürdige, als authentische Quelle ausgeht, läuft wunderbar in die Irre.“

Sollte die Finanzierung für das Projekt bewilligt werden, könnte die Neubewertung der besonderen Quellengattung für einigen Wirbel in der Fachwelt sorgen.

Im nächsten Teil erfahrt ihr, warum die Bücher erst so spät verfasst wurden und was das für die Forschung bedeutet.

Mehr Infos über das Germanische Nationalmuseum und die Museums-Bibliothek findet ihr auf der Website des GNM und auf der Unterseite zur Digitalen Bibliothek. Weitere Blogbeiträge zu Themen rund um Franken und Bayern findet ihr unter der Blog-Rubrik hier auf der Website.

Wer mich zwecks Aufträgen kontaktieren möchte, kann das Kontaktformular nutzen oder einfach eine Mail an juliane.proell@text-arbeit.com schreiben.


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